Erwiderung auf Leserbrief in der NOZ vom 08.04.2003

Arbeitsgemeinschaft
Hilfe für Tschernobyl-Kinder
in der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers
Ritterspornweg 26 Telefon: (0541) 350 46 62
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Auskunft erteilt: Christian Baethge

Sabine Rolfes
Am Turmhügel 19
49088 Osnabrück
Telefon: (0541) 1 67 89
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49082 Osnabrück, den 15.04.2003
Herrn
Prof. Dr. Peter Kästner
Wilhelm-Busch-Str. 2

49205 Hasbergen


Betr.: Ihr Leserbrief in der NOZ vom 08.04.2003, „Informationen nicht nachprüfbar“

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Kästner,

die Angaben zur Gesundheitssituation der Kinder in der strahlenverseuchten weißrussischen Region und Stadt Gomel in dem von Ihnen kritisierten Artikel beruhen auf Schilderungen weißrussischer Gesprächspartner der Vertreter der ev.-luth. Landeskirche, die zu Jahresbeginn die diesjährige landesweite Ferienaktion vorbereitet haben. Auch wir kritisieren die unklare Informationslage über die tatsächlichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen der ukrainischen und weißrussischen „Tschernobylkinder“. Sicherlich ist Ihnen bekannt, dass sowohl in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion als auch auf westlicher Seite nur wenig Interesse daran besteht, den Anstieg bestimmter Krankheiten nach der Reaktorkatastrophe zu untersuchen oder die Ergebnisse von Untersuchungen öffentlich zu machen.

Die Angaben, die uns in erster Linie zur Verfügung stehen, sind die Ergebnisse der Untersuchungen des Münchener Otto-Hug-Strahleninstitutes, dem Herr Prof. Dr. Lengfelder vorsteht und der zu den Folgen und Lehren der Reaktorkatastrophe 15 Jahre nach Tschernobyl Stellung genommen hat. In dem Aufsatz, den ich Ihnen anliegend übersende, stellt er dar, dass die Zahl der an Schilddrüsenkrebs erkrankten Kinder in Weißrussland 1990 um mehr als das 30-fache gegenüber dem Zehnjahresmittelwert vor 1986 lag.

Auch heute gibt es in Weißrussland keine staatliche Erhebung zur Gesundheitssituation nach der Tschernobylkatastrophe. Dieser Zustand ist sicherlich in mancherlei Hinsicht unbefriedigend – gesundheitspolitisch sogar skandalös! – Zum Glück wird jedoch unsere Aktion jetzt schon seit vielen Jahren von einer großen Zahl von Menschen und Institutionen unterstützt, die zur Hilfe nicht erst bereit sind, wenn wissenschaftlich abgesicherte Zahlen vorliegen.

In diesem Jahr werden zum 12. Mal Kinder im Alter von 9-14 Jahren im Kirchenkreis Osnabrück 4 Wochen lang Ferien verbringen. Die Kinder sind nicht akut krank - aber viele von ihnen leiden an einem angeschlagenen Immunsystem, was sich darin äußert, dass auch kleine Wunden und auch gelegentliche Knochenbrüche schlecht verheilen und die Kinder sehr anfällig für Infektionen sind. In mindestens sechs Fällen mussten wir von ehemaligen Ferienkindern erfahren, dass zwischenzeitlich bei ihnen lebensbedrohliche Krankheiten festgestellt werden mussten – auch diese Angabe wieder nicht nachprüfbar.

In einem Winter sind zwei Schwestern, die zuvor nacheinander in einer Gastfamilie in Voxtrup die Ferien verbracht haben, an einem Gehirntumor erkrankt. Beide Mädchen waren im letzten Sommer wieder hier zu Gast. Beide sind zwar in ihrer Bewegungsmöglichkeit eingeschränkt, aber laufen und sprechen zum Glück wieder!

Wenn Sie die Berichterstattung über unsere Aktion in der NOZ, für die wir sehr dankbar sind, bereits seit Beginn verfolgen, wissen Sie sicherlich auch, dass wir nicht verheimlichen, dass die schlechte gesundheitliche Situation der Kinder in Weißrussland natürlich auch auf die schlechten wirtschaftlichen Gegebenheiten dort zurückzuführen ist. Gerade in den letzten Tagen gab es in Gomel einen Kälteeinbruch – wie hier auch. Leider ist es dort keine Selbstverständlichkeit, dass alle Schulräume geheizt werden und im letzten Winter haben die Kinder der Schule, an denen „unsere“ Lehrerinnen unterrichten, mehrere Wochen lang mit Schal und Handschuhen im Klassenzimmer gesessen. Und wir haben auch von vielen Ferienkindern im Sommer den Eindruck, dass sie nicht an jedem Tag im Jahr wirklich soviel zu essen bekommen, wie sie eigentlich gern essen würden (eine Feststellung bar jeder wissenschaftlichen Grundlage).

Ihre Befürchtung, dass durch unsere Aktion anderen hilfebedürftigen Kindern öffentliche Aufmerksamkeit entzogen wird, finde ich dann etwas zynisch, wenn Sie sie als Vorwurf in unsere Richtung formulieren.

Wenn jeder Mitbürger sich im Rahmen seiner Möglichkeiten dort für andere einsetzt, wo er ein Problem erkennt, dann kann doch schon vielen geholfen werden!!! Wir setzen uns eben weiter für Tschernobylkinder ein – und hoffen weiterhin auf die Unterstützung wohl-meinender Menschen.

Zum Schluss möchte ich Ihnen die Lektüre des Buches “Tschernobyl – eine Chronik der Zukunft“ von Swetlana Alexijewitsch, die hierfür 2001 den E.-M.-Remarque-Friedenspreis erhalten hat, ans Herz legen. Sie schreibt, dass „die Tschernobyl-Katastrophe etwas ist, wofür wir noch kein System von Vorstellungen, noch keine Analogien oder Erfahrungen haben, woran unsere Augen und Ohren noch nicht gewöhnt sind, wofür nicht mal unser bisheriger Sprachschatz, unser ganzes inneres Instrumentarium ausreicht.“

Sie hat über mehrere Jahre mit Menschen gesprochen, für die die Katastrophe zum zentralen Ereignis ihres Lebens wurde. Ich glaube, jeder Leser dieses Buches wünscht sich, dass alle widergegebenen Schilderungen nur der literarischen Vorstellung der Verfasserin entsprungen wären – aber schrecklicher Weise schildert sie die Lebenswirklichkeit vieler tausender Menschen.

Mit freundlichen Grüßen


i. A.

Sabine Rolfes